Na, hast du eine Freundin?
„Na, hast du eine Freundin?“
Es gibt Fragen, die nur aus wenigen Wörtern bestehen und trotzdem mehr Gepäck mitbringen als ein Mensch für ein verlängertes Wochenende.
Diese hier gehört dazu.
Sie taucht meistens nicht dort auf, wo du vorbereitet bist. Niemand schickt dir vorher eine Einladung mit dem Hinweis:
Am Sonntag um 15:40 Uhr möchten wir gemeinsam deine Zukunftsplanung bewerten. Bitte bringe eine belastbare Antwort mit.
Nein. Die Frage kommt zwischen Kaffee und Kuchen. Beim Familienfest. Während jemand noch versucht, ein Stück Torte ordentlich auf einen viel zu kleinen Teller zu legen.
„Na? Hast du eine Freundin?“
Der Ton ist freundlich. Fast beiläufig.
Aber alle hören plötzlich ein wenig genauer hin.
Du kannst jetzt mit Ja antworten.
Du kannst mit Nein antworten.
Du kannst sagen, dass du gerade niemanden suchst, dass du dein Leben genießt oder dass dein Beziehungsstatus möglicherweise nicht das dringendste Thema dieser Kaffeerunde ist.
Es spielt kaum eine Rolle.
Denn die Frage ist nicht wirklich abgeschlossen, sobald du geantwortet hast. Sie ist eher eine Tür. Dahinter wartet bereits der nächste Raum.
Sagst du Nein, folgt irgendwann:
„Woran liegt es denn?“
Sagst du Ja, folgt:
„Seit wann?“
Und wenn die Beziehung lange genug hält:
„Wann wird es denn ernst?“
Damals habe ich darüber gelächelt. Das war schließlich nur eine Frage. Niemand hatte mich zu etwas gezwungen. Niemand hatte einen Vertrag vorbereitet oder bereits einen Hochzeitssaal reserviert.
Trotzdem war da etwas.
Etwas Kleines.
Ein erster Hinweis darauf, dass mein Leben offenbar nicht nur mir gehörte. Es gab Erwartungen. Eine unsichtbare Reihenfolge, die alle zu kennen schienen.
Freundin.
Hochzeit.
Kinder.
Nicht unbedingt sofort. Aber bitte auch nicht zu spät.
Ich wusste damals noch nicht, dass ich diese Frage in verschiedenen Formen immer wieder hören würde.
Von der Familie.
Von Bekannten.
Von Arbeitskollegen.
Von Menschen, die mich gut kannten.
Und später auch von Menschen, die mich kaum kannten, aber offenbar trotzdem der Meinung waren, meine Lebensplanung benötige ihre fachliche Begleitung.
„Na, hast du eine Freundin?“
Es war ein harmloser Satz.
Zumindest klang er so.
Heute glaube ich, dass es der erste kleine Hieb war. Nicht schmerzhaft genug, um sich zu wehren. Nicht unverschämt genug, um den Raum zu verlassen.
Nur deutlich genug, um zu verstehen:
Da draußen existierte bereits eine Vorstellung davon, wie mein Leben weitergehen sollte.
Ich hatte bloß noch nicht begriffen, dass nach jeder beantworteten Frage bereits die nächste auf mich wartete.
Dieses Tagebuch beruht auf realen Erlebnissen. Manche Dialoge und zeitlichen Abläufe wurden aus der Erinnerung rekonstruiert oder für die Lesbarkeit verdichtet. Namen und erkennbare Details können zum Schutz beteiligter Personen verändert worden sein.